Begegnung mit Klein-Erkan

Ganz merkwürdiges Erlebnis gestern abend: wir waren mit einer Freundin zusammen noch was essen, saßen auf der Terrasse eines studentisch angehauchten Cafes in Bockenheim. Neben uns der freie Platz vor einer Kirche, ein knappes Dutzend Jungs im Alter von...hm.... 9 bis 12 Jahren dort am Bolzen, mehr als die Hälfte von ihnen Kinder "mit Migrationshintergrund" allem Anschein nach. Sie betrieben wohl sowas wie das Äquivalent zum Elfmeter-Schießen, aber nicht in ein Tor, sondern gegen ein Mäuerchen direkt neben unseren Tischen, was einigen Lärm verursacht hat. Ab und an flog auch ein Ball in Richtung der Cafe-Gäste, und zwischendurch mokierte sich unsere Begleitung über die Fäkalsprache der Jungs. (Ich habe das völlig ausgeblendet, wie ich auch die Gespräche an anderen Tischen ausblende in so einer Situation)

Nun, es kam, wie es kommen musste - irgendwann landete der Ball auch bei uns, und es war reine Glückssache, das nichts zu Bruch gegangen ist an Gläsern oder Geschirr. Ich hatte kaum realisiert, was passiert war, da war auch schon der schönste Wortwechsel im Gange, und zwei der Jungs schienen sich als Anführer hervortun zu wollen. Der eine war auf den Blumenkübel gestiegen, der als Abgrenzung zum Kirchplatz hin neben unserem Tisch stand und fing an zu drohen, dass er gleich unsere Gläser zerdeppern würde. Der andere führte in erschreckender Weise die Sorte Schwanzehre vor, die man klischeehaft seinen grossen Türsteher-Brüdern attestiert. Herausfordernder Blick, stereotypes Wiederholen seiner Ansage "Was willst du, hä? Hast du ein Problem?" und "Gib den Ball her".
Ein Ja zu dem von uns wiederholt gestellten Angebot "Wenn wir euch den Ball wiedergeben, haut ihr dann ab?" konnte er seinem Jung-Männerstolz absolut nicht abringen. Erschreckend und verblüffend, wie sich dieser Zehnjährige vor uns drei Erwachsenen als Abziehbild des klassischen türkischen Machos gerierte.
Irgendwann kam dann die Bedienung dazu (die die Jungs offenbar schon kannte) und noch ein älterer Herr, offenbar ein Passant, und der Deal "Ball gegen Rückzug vom Kirchplatz" wurde perfekt gemacht.

Ich habe mich keinen Moment bedroht oder auch nur ernsthaft beunruhigt gefühlt, das waren Kinder - der eine Bub, der vorher so gross herumgetönt hatte, hatte sogar nach ein paar Minuten merklich Tränen in den Augen. Aber ich denke manchmal, ich habe eh nicht so das Gespür für Bedrohungsszenarien, fühle mich eher zu sicher auch dann, wenn Anlass zum Gegenteil bestünde. Unter anderen Rahmenbedingungen fangen so Prügeleien und Schlimmeres an, fürchte ich.

Was tun?
  • Eine elegante Lösung wäre sicher gewesen, direkt die Bedienung herbeizuholen und die das lösen zu lassen - aber das ruft für mich die Frage auf den Plan, ob ich wirklich andere Leute brauche, um meine Interessen gegenüber zehnjährigen Kindern zu vertreten.

  • Denkbar wäre auch gewesen, den Ball einfach mit einer kleinen Ermahnung "aber spielt mal woanders, ja?" zurückzugeben - hm, ich wette darauf, dass die das nicht weiter gekratzt hätte.

Was denken meine Leser?

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Comments

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  1. Christian M. aus Bo. says:

    Wir haben mit unseren Nachbarskindern von hinterm Haus ein ähnliches Problem, dass häufig ein Ball bei uns landet - bei gedecktem Frühstückstisch oder schlafendem Baby in er Ballflugbahn ist das unlustig. Die Gören sind aber nur uneinsichtig bis assig und frech ... gedroht haben sie noch nicht.
    Zu Erkan hätte ich 3 Thesen:
    1. Er hat zu Hause und in seinem Umfeld im Wesentlichen gelernt, dass ein (kleiner) Mann auf jeden Fall stark sein muss und zeigen muss wo es lang geht
    2. Bei Konflikten gibt es auf jeden Fall nur Gewinner und Verlierer.
    3. Wenn er erkennt, dass er in einer Situation nicht stark genug (sondern eher lächerlich) ist, bleibt nur die aggressive Flucht nach vorne.

    Ich sehe ich auch keine befriedigenderen Handlungsalternativen als die beiden von Dir erwähnten.
    Dass danach in jedem Falle ein ungläubiges Gefühl von "was-war-das-denn-hab-ich-richtig-reagiert" zurück bleibt, liegt an Erkans komplett unangemessenem Verhalten.

  2. Martina Diel says:

    Zunächst mal: Fühle mich geehrt, dass auch du mein Blog liest und nicht nur die verehrte Gattin :-)

    Deinen Thesen stimme ich zu - und find es traurig, dass das schon bei einem 10jährigen so fest verankert ist. :-(


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