Urban legends - wenig hilfreich

Tuesday, December 16. 2008
Seit einer Weile lese ich die "Junge Karriere" - nicht weil ich jung wäre oder Karriere machen wollte, sondern weil mir mal ein Gratis-Abo angeboten wurde und ich es nicht ausgeschlagen habe. Ich finde auch immer wieder interessante Artikel darin, und seien es Linkhinweise. In der letzten Ausgabe aber gab es ein Bewerber-ABC, das gleich mehrmals bei mir Kopfschütteln ausgelöst hat. Wenn man das liest, dann wundert's mich nicht, wenn Leute das Gefühl kriegen, aus dem Bewerben wird ein Riesen-Affentheater gemacht.

Doch zur Sache - was hat mich besonders gestört von den Ratschlägen, die den "High Potentials" da gegeben werden?

Bewerber betonen oft, dass sie kreativ, teamfähig und hochmotiviert sind. Diese Eigenschaften überzeugen aber schon längst keinen Personalchef mehr. Arbeitgeber interessiert viel mehr, welche Qualifikationen Bewerber für die ausgeschriebene Stelle mitbringen. Ein Hinweis auf Fähigkeiten aus früheren Jobs oder Praktika kann einem einen Vorteil bringen.


Ähm, nein - Arbeitgeber interessieren Soft skills sehr wohl, wenn auch nicht einfach als Behauptung in den Raum gestellt, sondern mit konkreten Beispielen belegt, sodass man einen Eindruck bekommt, was denn der Kandidat unter "teamfähig" oder "Leistungsorientiert" versteht. Selbst bei einer so simplen Frage können sich schon Abgründe auftun.

Nörgeln, drängeln, Druck machen: Im normalen Leben ist das verpönt. Bei Bewerbern jedoch heißt ein solches Verhalten Initiativbewerbung und gilt als Ausdruck eines besonderen Engagements


Nein, heißt es nicht! Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie Initiativ-Bewerbungen aussehen mögen, denen die Vorstellung zugrundeliegt, dabei wäre "Nörgeln, Drängeln, Druck machen" angebracht. Und wer sowas nicht für bare Münze nimmt, sondern sich um ein höflicheres Auftreten bemüht, fühlt sich womöglich trotzdem als nerviger Drücker, weil das ja angeblich das Image von Iniativ-Bewerbungen ist und verfällt in eine Bittstellerhaltung - auch nicht gut.

Und dieser Rat ist sogar falsch:

Eigentlich werden die Kosten für ein Bewerbungsgespräch vom Arbeitgeber übernommen. In den letzten Jahren hat es sich jedoch eingebürgert, dass über die Frage etwa der Reisekostenerstattung nonchalant hinweggegangen wird und der Bewerber dadurch in die ungünstige Situation kommt, das Thema von sich aus anschneiden zu müssen. Manche Unternehmen erstatten die Kosten - ob das so ist, sollten Bewerber schon vor der Anfahrt klären. Dann bekommen sie eine klare Antwort und können entscheiden, ob sie unter diesen Bedingungen anreisen möchten.


Wer gleich als erstes fragt, ob die Reisekosten übernommen werden, wird leicht als jemand gesehen, der nicht weiß, was wesentlich ist, und outet sich zudem als unwissend, was die rechtliche Lage angeht. Denn die ist nämlich so: Wenn das Unternehmen zum Gespräch gebeten hat und zuvor nichts Gegenteiliges geäußert hat, dann trägt es selbstverständlich die Reisekosten. Da gibt es gar nichts zu fragen, sondern man reicht stillschweigend die Reisekosten nach Abschluss des Verfahrens ein - wohlorganisierte Unternehmen sprechen das Thema von sich aus an.

Schnellhefter oder Klemm-Mappen kommen bei Personalchefs oft nicht so gut an. Die meisten bevorzugen farbige Kartons - aber allzu knallige Farben sollten sie nicht haben. [..] In die Mappe gehören: Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnisse, Referenzen und andere Zertifikate.


Das mit den farbigen Kartons halte ich für ein Gerücht - das ist die Quintessenz aus mehr als vier Jahren Lesen und Schreiben in der Leib- und Magen-Bewerbungsgruppe in Xing. Durchsichtige Deckel sind besser, da sieht man sofort, wessen Bewerbung da im Stapel liegt und muss nicht erst aufklappen.
Und nein, das Anschreiben gehört nicht in die Mappe, sondern obenauf, denn es verbleibt als Geschäftsbrief im Unternehmen, während die Mappe Eigentum des Absenders bleibt und bei einer Absage zurückgesendet wird.

Und der krönende Abschluss:
Erinnern Sie sich an den ersten Besuch als 16-Jähriger bei den Eltern Ihrer Freundin? Ungefähr doppelt so schlimm wird es beim Vorstellungsgespräch - auch wenn Personalchefs gerne behaupten, dass diese Begegnung vor allem dem Kennenlernen dient. Aber natürlich klopfen Personalchefs die Bewerber ab, und es entsteht eine unnatürliche Gesprächssituation.


Was soll denn diese Panikmache? Wem ist damit geholfen, wenn Bewerbern kräftig Angst vorm Gespräch gemacht wird? Und nein, auch Absolventen sind keine Bittsteller, die einseitig geprüft und dann womöglich für zu leicht befunden werden - auch der Bewerber selbst entscheidet, wo er hingeht und wo nicht, und manche haben sogar die Wahl zwischen mehreren Unternehmen. Davon abgesehen: Erwachsene Menschen dürfen sich auf Augenhöhe begegnen, und wenn sie an einem konstruktiven Gespräch interessiert sind, dann sollten sie das sogar.

Fazit: Viele durchaus hilfreiche Ratschläge dabei (die hab ich nicht aufgeführt), aber leider auch teils echter Unsinn dabei. Nicht gut recherchiert! Fragt doch nächstes Mal einfach mich ;-)