Gutsherrenjustiz - oder: warum Xing-Moderatoren Narrenfreiheit haben

Wednesday, August 12. 2009
Ich bin sauer. Richtig sauer und fühle mich verarscht.

Der Hintergrund:

Ich mag Xing und finde, dass es eine echt geniale Erfindung ist.
Ich pflege dort meine Kontakte, über 700 an der Zahl, ich diskutiere dort in jobrelevanten Gruppen, und ich empfehle es gerne weiter, seit mehr als fünf Jahren. Ich habe dort schon Kunden gefunden, lang verschollene Ex-Kollegen und sogar gute Bekannte, an der Schwelle zur Freundschaft (oder sogar schon drüber?)
Was mich aber in den letzten Monaten immer wieder gestört hat, war die Zunahme von Werbe-Mails. Oder brutaler gesprochen: von Spam.
Ich habe kein Problem damit, wenn meine Kontakte mir Einladungen zu Veranstaltungen schicken, auch nicht, wenn es z.B. kostenpflichtige Seminare sind, die sie anbieten. Wenn es mir zu viel wird, hat bisher immer noch eine freundliche Mail gereicht und ich wurde aus dem Verteiler rausgenommen.
Aber dann gibt es da noch die sogenannten Event-Einladungen im Rahmen von Gruppenzugehörigkeiten. Sehr häufig habe ich diese Einladungen abonniert, denn hierüber werden oft interessante Veranstaltungen angekündigt, z.B. Gruppenstammtische (selbstredend kostenlos), interessante Vorträge oder ähnliches. Leider verwenden einige Moderatoren diese Möglichkeit aber auch, um an alle ihre Gruppenmitglieder Werbung zu versenden.
Dies hat mich dazu veranlasst, solche Praktiken in der Diskussionsgruppe anzusprechen, die sich mit Xing-Interna befasst - leider ohne Erfolg. Die Xing-Mitarbeiter dort zogen sich immer wieder auf die Position zurück, dass sie selbstverständlich gegen unerlaubte Werbung vorgingen, aber nur am konkreten Beispiel entscheiden könne, ob es sich um Spam handelt oder nicht.
Das alleine finde ich schon fragwürdig - sollte es nicht klare Leitlinien geben, auch schon einfach deshalb, damit ich mich dran halten kann, wenn ich eine Aktion plane, statt offenbar ja sehr stark auslegbarer Regeln?

Der aktuelle Fall:
Ich habe die Diskussion dann dort erstmal frustriert aufgegeben - bis, ja bis vor ein paar Wochen wieder einmal eine besonders heftige Werbemail in meine Inbox flatterte.
Ein Gruppenmoderator schickte eine Nachricht an die über 6000 Mitglieder seiner Diskussionsgruppe mit Werbung für ein mehrtägiges, mehrere Hundert Euro teures Seminar, das er selbst veranstaltet. Und das nicht zum ersten Mal.
Ich sagte oben, klare und vor allem konkrete Regeln gibt es nicht so viele, wenn es um Werbung geht, einzig der Code of Conduct (CoC) für Gruppenmoderatoren erscheint mir eindeutig. Und der liest sich wie folgt:

Moderatoren sind grundsätzlich mit Werbung zurückhaltend und nutzen diese niemals für direkte finanzielle Vorteile, [..] Es ist nicht gestattet, aus einer Gruppe direkten finanziellen Nutzen zu ziehen.

Ich habe daraufhin den Moderator angeschrieben und mal ganz dezent gefragt:
[..]
soeben habe ich eine Einladung zu einem kostenpflichtigen Event von Ihnen erhalten.
Dazu zwei Fragen:

1. Im Code of Conduct für Xing-Gruppenmoderatoren steht, dass ein Moderator nicht finanziell von seiner Moderation profiitieren darf - wie vereinbaren Sie das mit der Versendung von Werbung für Ihre Seminare an Gruppenteilnehmer?

2. Ich habe für die Gruppe "YYYY" dem Empfang von Event-Einladungen zugestimmt, nicht aber dem Empfang von Werbung. Nach meinem Wissen müsste für den Empfang von Werbung auch ein "Double-Opt-In"-Verfahren gewählt werden, was hier nicht geschehen sein dürfte.

Danke im voraus für Ihre Antworten und herzliche Grüße

Martina Diel


Die Antwort? Schweigen. Achja - der betreffende Herr ist übrigens Jurist.

Die Reaktion von Xing:

Anders als sonst in solchen Fällen hatte mich aber gerade der Zorn gepackt und ich erinnerte mich an die Zusicherungen seitens Xing, in solchen Fällen selbstverständlich aktiv zu werden.

[..] erneut nutzt heute Herr XXX als Moderator der Gruppe "YYYY" seine Eigenschaft als Gruppenmoderator, um Werbung für seine Dienstleistungen zu machen.
(siehe hier:[Link]
Die Werbung für das Event wurde als PN an alle Gruppenmitglieder versendet.
Auf eine persönliche Nachricht vor einer Weile, als das schon einmal passierte, reagierte er nicht.
Ich weise auf den Code of Conduct für Gruppenmoderatoren hin und darauf, dass ich auch als Gruppenmitglied im Double-Opt-In-Verfahren
zustimmen muss, wenn jemand mir Werbung senden möchte.
Ich bitte darum, Herrn XXXX auf die Einhaltung der Regeln hinzuweisen, die er bereits zum wiederholten Male verletzt.
Bitte halten Sie mich über den Status auf dem laufenden.
-

Als Antwort erhielt ich ein paar Tage später folgendes:

[..] die Nachricht, die Sie hier bemängeln, ist eine Einladung zu einem Termin einer Gruppe, in der Sie Mitglied sind. Es ist den Moderatoren unserer Gruppen durchaus erlaubt, Einladungen zu versenden - natürlich dürfen sie dieses Privileg nicht missbrauchen. [..] Diese Einladung ist jedoch themen-relevant für die Gruppe und wird deshalb von uns nicht als Spam gewertet. Wenn Sie keine Einladungen zu Events von dieser oder anderen Gruppen erhalten möchten, wählen Sie "Termin-Einladungen deaktivieren" auf der Startseite der Gruppe/n.


Na, das ist doch mal eine schlagende Argumentation, oder?
Im CoC steht allerdings nicht, dass es den Gruppenmoderatoren erlaubt ist, finanziell von der Gruppe zu profitieren, wenn die verkauften Dienstleistungen etwas mit dem Gruppenthema zu tun haben. Auch nicht, dass themenrelevante Werbung für Angebote der Moderatoren zulässig ist.
Besonders kreativ auch der Vorschlag, gleich die Einladungen zu Events abzuklemmen - kurz gefasst:
Xing findet, wer an Gruppenstammtischen teilnehmen will, der muss auch Werbung akzeptieren.
Dann wäre es allerdings nur konsequent, wenn der Button umbenannt würde in "Werbung deaktivieren" - das wäre zumindest ehrlich.

Ich kann's ja nicht lassen. Oder nein, ich will's nicht.
Meine Antwort fiel folgendermaßen aus:

[..]
wenn ein Gruppenmoderator 6000 Personen zu einem Event "einladen" darf, mit dem er Geld verdient - was bedeutet dann die Regel im Code of Conduct, dass ein Gruppenmoderator nicht von seiner Moderatoreigenschaft finanziell profitieren darf?

Und zum zweiten:
Ich habe dem Erhalt von Gruppennachrichten zugestimmt, ja. Nicht aber dem Erhalt von Werbung, denn dafür ist noch immer gesetzlich geregelt, dass es ein Double-Opt-in-Verfahren geben muss.
Wo habe ich im Rahmen eines Double-Opt-In-Verfahrens dem Erhalt von Werbung zugestimmt?


Die darauffolgende Antwort war etwas kleinlaut, wiederholte im wesentlichen das bereits Gesagte, ergänzt um den Hinweis, man würde meine Nachricht an die "zuständige Abteilung" weiterleiten.

In meiner Antwort wies ich daraufhin, dass ich die Entwicklung auf diesem Blog dokumentieren werde. In früheren Fällen, die ähnlich abliefen, hatte mir eine Xing-Mitarbeiterin zu untersagen versucht, dass ich aus ihren Nachrichten zitiere. Weil ich die Mühe geschaut habe, mich hieb- und stichfest zu informieren, ob diese Forderung eine juristische Grundlage hat, habe ich damals nichts gebloggt. Heute schon.

Ich gebe zu, es ist etwas Hoffnung aufgekeimt angesichts des Hinweises auf die Weiterleitung an eine andere Abteilung, schließlich hatte ich in der Vergangenheit tatsächlich schon einmal erlebt, dass auf Beschwerden anders als mit Abblocken reagiert wurde. Oder zumindest wurde das gesagt - nachprüfbare Konsequenzen gab es natürlich nicht.
Nach ein paar Tagen flatterte wiederum diese Nachricht ins Haus

Wir haben das Event von unseren Gruppenspezialisten überprüfen lassen, und diese konnten keine direkte Werbung feststellen. Das Event ist somit legitim.


Ich muss zugeben, mir fällt angesichts derartig hanebüchenen "Erklärungen" nichts mehr ein. Was ist denn bitte "direkte" Werbung? Wie direkt soll es denn noch sein? Muss dafür der Herr XXX mich persönlich anrufen?
Entsprechend meine Reaktion:

wenn das keine Werbung war, was bitte ist dann Werbung?
Welche Kriterien müssten für Werbugn erfüllt sein, die hier nicht erfüllt waren?
Davon abgesehen:
Der code of conduct sagt "kein finanzieller Profit von Gruppenmoderatoreneigenschaft" - ganz egal, ob das nun Werbung war oder nicht, Herr XXX schreibt Postings an 6000 Leute in seiner Gruppe, um aus seiner Moderatoreneigenschaft Kapitel zu schlagen.
Sorry, das alles ist nur noch eine Farce.
Entsetzt, wie Xing sich hier präsentiert


Wollt ihr raten, was Xing dazu meinte?

Es handelt sich um ein Event, das thematisch zum Gruppenthema passt. Die Moderatoren haben die Möglichkeit thematisch passende Gruppenevents einzustellen. Sie verstoßen damit nicht gegen unseren Code of Conduct. Gruppenmitgliedern wird dadurch ein Mehrwert geboten.


Das (tschuldigung) saudumme Argument mit der Themenrelevanz hatten wir ja schon.
Aber nun wird mir hier auch noch erzählt, ich profitierte von dieser Werbung?
Hallo? Darf ich das vielleicht noch selbst entscheiden, was für mich einen "Mehrwert" darstellt und was nicht?

Angesichts dieser Ignoranz kann ich wirklich nur noch den Kopf schütteln, wenn ich die Aussage von Xing lese:

Die Werbung auf XING steht im Einklang mit den deutschen und europäischen Datenschutzgesetzen und -richtlinien
()

Schade drum. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass Xing eines der seriöseren Social Networks ist. Stattdessen wird nicht nur geltendes Recht mit Füßen getreten, sondern auch die selbst gesetzten Regeln als leeres Gerede entlarvt.

Ich bin mir nicht sicher, was ich jetzt weiter mache - vielleicht sollte ich mir Textbausteine basteln wie die Xingler auch. Andererseits habe ich keine Kohlhaas'schen Ambitionen. Und dann wieder: ist das bequeme Schulternzucken das Richtige an dieser Stelle?

Was denken meine Leser?

Achja: natürlich freu ich mich, wenn ihr den Link zu diesem Artikel weiterverbreitet. Vielleicht ändert es ja doch was.