Bock zum Gärtner

Eigentlich schaue ich nur noch selten bei Spiegel Online - es ist mir zu boulevardesk geworden, was dort zu lesen ist. Neulich aber bin ich doch mal wieder über einen Artikel gestolpert, und zwar über den eines kurdischen Mannes, der seine geschiedene türkische Ehefrau - möglicherweise aus Gründen der "Ehre" lebensgefährlich verletzt hat.

Folgende Passage - es geht um die Vorgeschichte der Tat, die offenbar auch bereits von Prügeln und Drohungen geprägt ist - finde ich besonders bemerkenswert:

"Es wurde ihm das ganze Leben genommen - erst die Wohnung, dann die Kinder und das Geld." Zuletzt habe er seinen Arbeitsplatz in Gefahr gesehen. Gemeinsam hatte das voneinander getrennt lebende Paar an der Autobahnraststätte Baden-Baden gearbeitet. Laut Gerichtsbeschluss durfte sich Mehmet K. dort nur aufhalten, wenn seine Ex-Frau nicht da war - zu oft soll er auf sie losgegangen sein.

"Es lag also in ihrer Hand, ob er die Stelle behält",
sagte Vogt. Jene "ständige Bedrohung, alles zu verlieren" sei schließlich in der tragischen Affekttat gegipfelt.
(Hervorhebungen von mir)


Mit anderen Worten:
Wer jemanden verprügelt und dann dafür zur Rechenschaft gezogen wird, der ist das Opfer dessen, der die Schläge erduldet.
Oder kurz gesagt: Das Opfer ist der eigentliche Täter und schuld, wenn der Schläger seinen Job verliert. Was treibt sie sich auch an ihrer Arbeitsstelle herum, sie muss doch damit rechnen, dass der Täter die gerichtlichen Auflagen nicht einhält.

Die Darstellung mag sich dadurch erklären, dass derjenige, der das äußert, der Verteidiger des Täters ist. Heftig finde ich es allerdings trotzdem.


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Comments

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  1. Azundris says:

    Dazu hat mir die Seite folgenden Glückskeks mitgeliefert:

    "Wenn du die Geschichte eines großen Verbrechers liesest, so danke immer, ehe du ihn verdammst, dem gütigen Himmel, der dich mit deinem ehrlichen Gesicht nicht an den Anfang einer solchen Reihe von Umständen gestellt hat."

    also genau "der ist doch nur ein Opfer der Umstände" (und seine Opfer Idioten weil sie ihn ja hätten vermeiden können, den Verbrecher erkennt man ja schon an der Fressä).

  2. Thilde says:

    Ich denke nicht, dass das eine dem anderen widerspricht. Ich bin in der Tat froh, dass ich bisher im Leben von vielen wirklich üblen Dingen verschont geblieben bin und kann nicht meine Hand für mich ins Feuer legen, was gewesen wäre, wenn ich ein anderes Umfeld gehabt hätte.
    Dennoch unterscheide ich zwischen Täter und Opfer - auch wenn es Situationen geben mag, wo sich beides vermischt.


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