Täschner


Als ich vor dreieinhalb Jahren angefangen habe, dieses Blog zu füllen, war meine Idee, vorwiegend über lustige, witzige, nette, angenehme, erfreuliche Dinge zu schreiben - für meinen Geschmack gab's und gibt's schon genug Blogs, wo ein wohlfeiler Salon-Revoluzzer-Gestus gepflegt oder über die achso unerträglichen Mitmenschen, die Bahn, das Wetter und den ganzen Rest gejammert wird. Nicht noch einer, oder jedenfalls nicht von mir.
Diese  Linie hab ich nicht immer so klar durchgezogen und mich manchmal anstecken lassen von den allgegenwärtigen Rants. Heute aber gibt's mal wieder was durch und durch Positives zu berichten.
Und zwar war das so: Vor fast 10 Jahren hab ich mir  - ich glaube, es war anlässlich einer Beförderung? oder eines Projektabschlusses? - wie auch immer, ich habe mir eine Aktentasche gekauft. Groß, schwarz, genug Platz auch für Laptop, klassisch, von Picard - und 600 DM teuer. Ein heftiger Betrag damals für mich. Ich bin lang um sie rumgeschlichen, aber dann hab ich mir einen Ruck gegeben und sie gekauft und gefreut wie ein Schneekönig
Die Freude währte nicht lang, weil sich gleich in den ersten Wochen Probleme mit den Beschlägen zeigten - und obwohl ich den Bon nicht mehr hatte, waren meine Enttäuschung und mein Frust so stark, dass sie mich mit einer sehr entschlossenen Laune bis an den Tresen des Ladens getrieben haben und die Verkäuferin ohne langes Hin und Her dazu, mir kostenlos Ersatz zu beschaffen.
Aber auch da war der Wurm drin: nach nur wenigen Monaten waren die unteren Ecken ausgerissen, alle vier, und zwar nicht die Naht, sondern das Leder. Außerdem ist eine Befestigung gebrochen, an der Karabinerhaken des Schultergurt befestigt war.
Diesmal war der Ärger nicht mehr groß genug, um die Trägheit und Resignation zu überwinden, und ich bin noch ein Weilchen damit herumgelaufen, bis ich die Tasche dann in die letzte Ecke des Schranks gepfeffert und dort einstauben lassen habe. Seither bin ich mit irgendwelchen Kompromissen beholfen, 0815-Laptop-Tasche, Schreibmappe mit Reißverschluss, alles irgendwie nicht so das Gelbe vom Ei. Aber wozu wieder was Schönes kaufen, wenn doch auch die Tatsache, dass man richtig Geld in Markenware investiert, nicht dazu führt, dass man was Gutes kriegt, was auch hält?
Irgendwo auf meiner langen, langen To Do-Liste steht seither ein Item: "Aktentasche? Reparieren lassen, neu?"
Reparieren lassen ist gar nicht so einfach:
Ein Schuster kann sowas eher nicht - ein Mister Minit sowieso nicht, aber auch ein richtiger Schuster hat eher nicht die geeigneten Werkzeuge für sowas.
Ein Sattler schon eher - aber wenn es welche gibt, dann sind sie meistens auf Autopolster spezialisiert.
Ein Täschner - das wäre das Richtige. Nur leider gibt es kaum noch welche. Sucht man danach, werden einem die üblichen Läden angezeigt, die primär am Verkaufen von Neuware interessiert sind.
Und Dolfi. Dolfi 1920 ist ein Unternehmen gar nicht so weit von hier, im unwirtlichen Gutleut-Viertel in einem Hinterhof, mit einem ganz speziellen Geschäftsmodell: Sie reparieren Transportschäden an Koffern und Reisetaschen von Fluggästen im Auftrag von Fluglinien und haben damit wohl einen gewaltigen Marktanteil. Diese pfiffige Geschäftsidee und wohldefinierte Marktnische alleine macht mir den Laden schon mal sympathisch.
Aber damit nicht genug: sie arbeiten auch für Privatleute, man kann montags bis samstags hinfahren und wird kompetent beraten. Am Samstag hab ich die Tasche hingebracht, am Dienstag war sie fertig, und sie ist gut geworden! Und der ganze Spass hat nur 25 Euro gekostet.
Nur für das Problem mit der Öse hatten sie keine Lösung - die Ersatzteile, die sie dort vorrätig halten, sind halt doch eher was für strapazierfähige Koffer und weniger für filigrane Lederteile. Aber durch diese gewaltige positive Entwicklung hab ich auch wieder Energie, mich zu kümmern - sicher finde ich im Usenet oder sonstwo jemanden, der mir sagen kann, wo ich sowas bekomme? Oder vielleicht hat sogar einer meiner Leser hier eine Idee? Drannähen kann's der Schuster dann ja.
Achja: Gefunden hab ich Dolfi übrigens über die Gelben Seiten, ganz unoriginell. Trotzdem finde ich, dass der Reparaturführer der FES-Frankfurt, in dem Betriebe, die noch Dinge reparieren, statt nur neue zu verkaufen, eine gute Idee ist, und dorthin hab ich die Firma auch gleich gemeldet.

Trackbacks

  1. Fehlkäufe

    Uiui, beinahe vergessen: Das Dyferl wurfte ein Stöckchen hierher und da kann ich doch nicht anders als apportieren. Allerdings kann ich nicht so sehr mit Fehlkäufen dienen, dafür umso mehr mit Klamotten, die zwar schön sind, aber alle ein paar Konfekti

  2. unerwartete Geschenke

    Schon vor einer Weile hatte ich ja über meine Erlebnisse mit Täschnern und überhaupt Reparaturbetrieben hier in Frankfurt gebloggt, unter anderem auch über die sehr positive Erfahrung mit Dolfi. Letzte Woche bekam ich ganz überraschend einen Anruf von e

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