Stellengesuch - How not to

Graphik:Digitalart/ freedigitalphotos.net



Neulich hab ich mal wieder was gelesen, was ich meiner Blogleserschaft auf gar keinen Fall vorenthalten darf: ein Stellengesuch, das geradezu exemplarisch zeigt, wie man es nicht machen soll. Und hier erstmal der Text - hoffentlich ausreichend verfremdet. (Andererseits hat es der Autor in einem Social Network Millionen Menschen zugänglich gemacht. Hm.). Okay, hier kommt er.






Liebe Leserinnen,

nach 12 Jahren Selbstständigkeit möchte ich nicht mehr selbst und ständig. Ich bin auf der Suche nach Kollegen, einer Organisation, nach Wochenende und nach Urlaub. Helfen Sie mir doch dabei!

Als Volkswirt bin ich Trainer für [drei konventionelle Trainingsthemen]. Ich bin ausgebildeter [xy]-Coach und Trainer/Ausbilder für [noch ein Modethema]. Mit [weitere Buzzwords] beschäftigte ich mich auch. Als GF hatte ich eine GmbH zertifiziert nach [Buzwword] und war hier auch erfolgreich tätig.
In zwei Wochen lege ich bei der IHK meine Prüfung zum Personalfachkaufmann ab. Am liebsten wäre ich in der Personalentwicklung, Ausbildung, [noch ein Buzzword] tätig.

Ich liebe meinen Beruf und würde diesen gerne in einem Unternehmen ausüben. Passe ich in Ihr Team? Dann freue ich mich über ein Mail von Ihnen.

Herzliche Grüße
x y


Und jetzt im einzelnen, was ich daran auszusetzen habe. Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich mich in die Rolle eines potentiellen Lesers und Personalentscheiders versetzt habe:

Liebe Leserinnen,

nach 12 Jahren Selbstständigkeit möchte ich nicht mehr selbst und ständig. Ich bin auf der Suche nach Kollegen, einer Organisation, nach Wochenende und nach Urlaub.


Prima. Erstmal erzählen, was man alles nicht mehr will und wie sehr man sich nach Bequemlichkeit auf Kosten des Arbeitgebers sehnt. Das motiviert direkt zum Weiterlesen. :-\

Helfen Sie mir doch dabei!


Warum? Menschen sind tendenziell sehr wohl hilfsbereit, aber eher gegenüber Leuten, die sie kennen, und meiner Erfahrung nach nicht, wenn die Bitte um Hilfe das ist, womit der Kontakt eingeleitet wird

Als Volkswirt bin ich Trainer für [drei konventionelle Trainingsthemen]. Ich bin ausgebildeter [xy]-Coach und Trainer/Ausbilder für [noch ein Modethema]. Mit [weitere Buzzwords] beschäftigte ich mich auch.


Wayne interessiert's? "Sich beschäftigen" tun viele - entscheidend ist doch aber, was für Kenntnisse jemand hat und noch viel mehr, wo er Erfahrungen gesammelt hat.

Als GF hatte ich eine GmbH zertifiziert nach [Buzwword]


Wen interessiert die Rechtsform? Ich meine, außer Leuten, für die 25.000 Euro so unvorstellbar viel Geld ist, dass der Fakt, es jemals gehabt zu haben, einen Menschen schon allein deswegen qualifiziert erscheinen lässt.

und war hier auch erfolgreich tätig.


Als was ist er tätig gewesen? Das Geschäftsführersein an sich ist ja nun kein marktfähiges Produkt oder Dienstleistung.
Und so erfolgreich kann es ja auch nicht gewesen sein. Denn sonst würde er jetzt keinen Job suchen, sondern selbst Leute einstellen.

In zwei Wochen lege ich bei der IHK meine Prüfung zum Personalfachkaufmann ab.


Wenn der Schreiber auch nur halb so toll wäre, wie er sich sieht, oder vorgibt sich zu sehen, dann hätte er so eine oder eine höherwertige Qualifikation schon längst. Aber alleine sie hier zu nennen, zeugt von mangelnder Urteilsfähigkeit. Ist ungefähr so, als würde Mark Spitz erwähnen, dass er in zwei Wochen den Fahrtenschwimmer macht.

Am liebsten wäre ich in der Personalentwicklung, Ausbildung, [noch ein Buzzword] tätig.


Hier ist aber nicht "Wünschdirwas".

Ich liebe meinen Beruf und würde diesen gerne in einem Unternehmen ausüben. Passe ich in Ihr Team? Dann freue ich mich über ein Mail von Ihnen.


Eher nicht. :-\

Alles in allem ist dieses Stellengesuch deshalb so katastrophal, weil es komplett aus der eigenen Perspektive geschrieben ist und der Schreiber erkennbar zu null Komma null Prozent darüber nachgedacht hat, was den Leser interessieren könnte, der womöglich wirklich jemanden mit einem solchen Skill einstellen würde.
Es argumentiert mit dem, was der Bewerber will, sucht und braucht, statt mit dem, was er bringt, hat und worin er von Nutzen sein kann. Die Hinweise auf die vorhandenen, möglicherweise nutzbaren Kenntnisse und Erfahrungen sind teilweise komplett unpassend ("Geschäftsführer einer GmbH") oder nichtssagend ("beschäftige mich mit [Buzzword]").

Ehrlich Leute, ich habe das nicht erfunden. Natürlich wünsche ich dem Schreiber viel Glück, aber ich fürchte, so wird das nichts. Vermutlich gehört er in ein paar Monaten zu denjenigen, die sagen "Social networks? Hab ich probiert, bringt gar nichts, alles nur so'n Hype".




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