Eine neue Welt

El desierto blanco Vor noch nicht mal einer Woche sind wir von einer Reise zurückgekommen, die mich mehr inspiriert hat, als ich vorher erwartet hätte.
Bisher hatte ich mich eigentlich nie besonders gerade für Ägypten interessiert, der Grund, warum wir hingefahren sind, war einfach die Tatsache, dass ein Freund, der dort lebt, uns mit seinen Erzählungen neugierig gemacht und zu sich eingeladen hat.
Klar, warum nicht, da sagt man doch nicht Nein - so jedenfalls war meine Haltung dazu.
Ende April sind wir denn ohne große Pläne für 10 Tage hingeflogen.
Und was soll ich sagen, ich bin fasziniert.
Allerdings nicht von den naheliegenden Dinge, wie etwa den Pyramiden, sondern von vielen Aspekten, die mehr mit dem Alltag und den Menschen dort zu tun haben und den Widersprüchen, auf die man überall stösst.
Erster Eindruck:
Chaos, Schmutz, Lärm. Kairo ist riesig, und die Infrastruktur kommt nicht mit dem Wachstum mit (wobei ich damit nicht behaupten will, dass es eine Zeit gab, wo es mal besser geklappt hat, das weiß ich nämlich nicht). Das bedeutet konkret:
überall liegt Müll herum, teils in großen Mengen, denn die Müllabfuhr funktioniert nicht wirklich und es ist eine übliche Praxis, seinen Müll aus dem Fenster zu werfen oder in den Nil.
Der Verkehr ist infernalisch, das heißt, Ampeln werden gerne ignoriert, Zebrastreifen sowieso, statt Scheinwerfer einzuschalten, verwendet man die Hupe und alle drängeln sich wild über Kreuzungen (Autos) oder zwischen Autos hindurch (Fußgänger).
Auch in der Metro wird gedrängelt, keine Chance erst auszusteigen, bevor andere Passagiere einsteigen - es wird die Tür gestürmt, als wäre es die letzte Bahn, die jemals fahren wird, und zwei Meter hinter einem lauert ein Tsunami.
Nie in den 10 Tagen hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nach Regeln geschieht, sondern dass sich jeder so gut durchschlägt wie er kann.
Ein weiteres Ärgernis:
Das Feilschen. Dass man für vieles zäh verhandeln muss, weit über das Maß hinaus, was man als introvertierter WEsteuropäer für erträglich hält, okay, davon hab ich schon gehört. Aber dass auch noch nachverhandelt wird, wenn vorab der Preis einmal fixiert wurde, so wie es der Taxifahrer am Nachmittag tat, mit dem wir am Morgen einen Pauschalpreis ausgemacht hatten, finde ich... nee, echt nicht schön.
Dreist auch der Typ, der uns dumme Touri-Schafe mit seinen guten Deutschkenntnissen in seine Intarsienwerkstatt im Souq von Chan el-Chalili gelockt hat. Nach zähen Verhandlungen habe ich mich breitschlagen lassen, eine ganz hübsche Dose für 60 Pfund zu kaufen - aber wenn ich nicht lauthals protestiert hätte, hätte er mir schwuppdiwupp statt des Wechselgelds auf 100 Pfund noch eine weitere verkauft. Eine zuviel dafür, dass ich eigentlich keine wollte und es nur nicht geschafft habe, wieder kaltlächelnd die Werkstatt zu verlassen.
Und ärgerlich auch, wenn man als Ausländer einen Preis für irgendeinen Alltagskram das Dreifache dessen genannt bekommt, was ein Ägypter zahlt. Das betraf wohlgemerkt nicht nur uns als erkennbare Touristen, sondern auch unseren Freund, der seit einigen Jahren dort lebt und akzeptables Arabisch spricht.
Und schließlich: die "Guides" jeglicher Couleur, die es mit jedem nur denkbaren Trick versuchen (und teils auch schaffen), einem einen "Tip" abzuluchsen. Auch die, die vorher Stein und Bein geschworen haben, ihre Dienste wären im Eintrittspreis enthalten, sie seien von der Regierung angestellt und wir müssten nichts extra bezahlen. Später hieß es dann "only if you're happy". Und dann war natürlich das, was wir dann doch noch rausgerückt haben, nciht genug - es musste mehr sein und am besten wären noch Euro oder Dollar gewesen statt Landeswährung.
Das Land wird derzeit von Touristen gemieden, an den Pyramiden von Gizeh (!) waren ungefähr 10 Touristen. Angesichts mindestens doppelt so viele "Guides" kann man sich vorstellen, wie wir geplagt wurden. Insofern hab ich mit den Pyramiden nicht viel Spass gehabt.
Andererseits wollte gerade die Person, die uns wirklich etwas Nützliches zu bieten hatte, nämlich der junge Mann, der unserem verpeilten Taxifahrer den Weg nach Dashur erklärte und uns dazu ein paar Kilometer begleitete, überhaupt kein Bakshish haben. Der hätte es verdient.
Aber es gibt natürlich auch viel Positives zu berichten:
Der Satz, den ich in Ägypten am häufigsten gehört habe, ja, das war: "Welcome to Egypt". Ja, das sagten wildfremde Leute auf der Straße zu uns, nicht nur Kinder, auch Erwachsene, sogar Frauen mit Niqab, auf der Straße in Kairo, nicht in Touristengegenden. Man stelle sich das in Deutschland vor, wo der als Ausländer erkennbare Mensch, wenn er denn angesprochen wird, eher damit rechnen muss, dass er angepöbelt wird oder Schlimmeres.
Was mich am meisten verblüfft hat: diese Begrüßungen kamen auch und gerade vor, als wir durch ein wirklich schlimmes Viertel gelaufen sind, einen echten Slum, den von Manjia Nasser.
Ich habe mich nicht nur dort, sondern auch sonst, keinen Moment bedroht oder auch nur feindselig betrachtet gefühlt. Natürlich sind wir als Ausländer aufgefallen, sogar sehr, und wir wurden intensiv angeschaut - aber niemals feindselig. Und interessanterweise tut auch die Tatsache dem keinen Abbruch, dass ich bei der Fahrt in einem überfüllten Kleinbus bemerken musste, dass mein Nebenmann mit seinen Fingern in meiner Handtasche herumpult (zum Glück ohne Erfolg).
Mein persönliches Highlight: der Ausflug in die "Weiße Wüste". Außer den Sanddünen, die ich erwartet habe, gab es dort auch Felsformationen, die im Mondlicht aussahen wie Brandung oder ein kalbender Gletscher. Die Ruhe und das Licht dort sind... inspirierend. Man könnte fast spirituell werden. ;-)
Dies also einige unsortierte Gedanken von mir - und schlussendlich noch ein Buchtip: wenn das realistisch ist, was man im Buch "Der Jakubijan-Bau" lesen kann - und dem scheint so zu sein - dann verstehe ich, warum es zur Revolution kommen musste. Wer sich für das Land interessiert oder für den Arabischen Frühling: unbedingte Leseempfehlung.

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